Am Sonntag , 12.April, sorgte eine Nachricht zunächst für ein Bundesliga Beben in Deutschland und ging dann wie ein Lauffeuer in die ganze Welt.
„Marie Louise Eta, 1. Cheftrainerin einer Männer Bundesligamannschaft.“
Bei mir als Unionerin hat das neben großer Freude über die Anerkennung und Würdigung ihrer bisherigen Leistung, auch großen Stolz bewirkt, einem Verein anzugehören, bei dem diese Entscheidung in Köpenick im tiefen Osten Berlins ganz und gar nicht außergewöhnlich ist. Einem Verein, der sein jetziges „Stadion an der alten Försterei“ unter der Leitung einer Frau und in den Anfängen und nach 1989 den Bau des Stadions aus eigener Kraft und in den „schlechten Zeiten“ des Vereins u.a. mit Blutspenden, Spenden, Eigenleistungen und ideellen Aktien finanziert hat, was weltweit ebenfalls einmalig ist.
Gleichberechtigung hat in Köpenick, beim Verein des 1. FC Union und seines Vorstandes nicht erst am vergangenen Sonntag begonnen.
Hier wurden personelle Entscheidungen schon sehr lange und sehr selbstverständlich gleichberechtigt und geschlechterunabhängig getroffen. Hier sind Entscheidungen von der Leistung abhängig und nicht vom Geschlecht. Ein Vereinsvorstand mit einer Haltung, die die Gleichberechtigung im Sport konsequent und aus Überzeugung durchsetzt und praktiziert, ist in der Fußballwelt nicht leicht zu finden. Ebenso wenig gibt es Unterschiede in der Nutzung unseres Herzstückes, des „Stadions an der alten Försterei“. Das Stadion, das Trainingszentrum und alle Einrichtungen werden von der Frauenmannschaft ebenso genutzt wie von den Profi-Männern. Dirk Zingler, der Präsident, der den Verein noch bis vor kurzem 21 Jahre lang ehrenamtlich geführt hat, fährt mit den Frauen zu Auswärtsspielen, während die Männer zu Hause Bundesliga-Spiele austragen. Auch in der Bezahlung geht Union Berlin avantgardistische Wege. Die Bezahlung bei Union erfolgt leistungsabhängig und gleichberechtigt. Geschlechterspezifische Unterschiede findet man hier nicht.
Falls jetzt jemand annimmt, dass sich das auch auf die Spieler bezieht, – leider nein. Die Männer handeln ihre Verträge noch immer selbst und wesentlich hochdotierter aus als ihre weiblichen Kollegen.
Die Entscheidung für Marie Louise Eta wurde getroffen in Anerkennung und Würdigung ihrer hohen Professionalität und ihrer langjährigen Erfahrung als Spielerin und als bestens ausgebildete Trainerin. Bereits zweimal, 2022 und 2024, hat sie als Co-Trainerin ihr Können bewiesen und allseits hohe Anerkennung und Respekt erfahren, auch von den hartgesottenen “Ultras“.
Angeblich wird bei Union nicht gegendert. Das trifft zumindest nicht auf Marie Louise zu. Als sie 2023 als Co-Trainerin nach Urs Fischer berufen wurde, wurde selbst sie, wie bei der Begrüßung vor jedem Spiel üblich, als „Fußball Göttin“ begrüßt. Das wurde sogar im vollbesetzten Stadion mit 22 000 Fans geübt.
Marie Louise Eta , aus einer fußballbegeisterten Dresdener Familie stammend, ist eine erfahrene Fußballerin, die im Frauenfußball bei Turbine Potsdam seit ihrem 13. Lebensjahr als Spielerin höchste Erfolge errang, von der Meisterschaft 2011, über Weltmeisterteilnahme U19 /23 bis hin zum Champions-League-Titel 2010.
Als Trainerin mit Pro Lizenz hat sie bereits Beachtliches vorzuweisen, hat Frauen- und Männermannschaften erfolgreich trainiert und hat Erfahrung im Trainerstab der Union Profi-Männer. Zuletzt trainierte sie die erfolgreiche U19-Frauenmannschaft des 1. Union Berlin. Ehrgeiz, Klarheit und Begeisterung zeichnen sie in besonderem Maße aus. Für sich selbst gilt: „Wenn Du mit deinen Qualitäten überzeugst, spielt das Geschlecht keine Rolle.“ Hier kann ich ihr nicht zustimmen, denn leider gilt diese Aussage noch lange nicht in der großen Fußballwelt. Diese Erfahrung steht ihr noch bevor, wie sie auch die 1. Bundesliga Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, die in der 1. Fußballbundesliga 2017 als erste weibliche Schiedsrichterin ein Spiel leitete. Sie schrieb damit ebenfalls Fußballgeschichte und war harten Angriffen und Anfeindungen ausgesetzt. Bei ihrem Rücktritt rät sie ihren weiblichen Kolleginnen zu mehr Mut und dazu, „das Trikot eine Nummer größer zu wählen“.
Damit stellt sich die Frage, warum die Berufung einer hochkompetenten, erfahrenen Trainerin in eine Männer-Bundesligamannschaft ein solches Beben auslöst.
Weil in der fest zementierten Männerdomäne Fußball, doch noch eher ein wenig erfahrener männlicher Trainer, einer gut ausgebildeten, erfahrenen und respektierten Trainerin vorgezogen wird. Die tiefsitzenden Begründungen und zementierten Überzeugungen, „Männer können besser Fußball spielen“, Fußball ist Männersache“, „Männer akzeptieren nicht, Ansagen von einer Frau zu bekommen“, verhindern, dass eine Frau als Trainerin in vielen Vereinen keine Überlegung wert ist und erst gar nicht auf die Tagesordnung gerät. Weil es noch immer nicht selbstverständlich ist einer Frau den Vorrang zu geben, weil es schon immer so war. Und auch, dass dort, wo das große, große Geld regieret, die Männer den Machtpoker übernehmen und sich die Taschen füllen und wo es auch immer etwas nach Korruption und Vorteilsnahme riecht.
Die sexistischen und herabwürdigenden Kommentare gab es ebenso schnell, wie die Nachricht um die Welt ging. In seiner Pressekonferenz hat sich der Verein des 1. Union sehr klar positioniert und diesem Teil wenig Raum gegeben. Gerade genug, um deutlich klare Kante zu zeigen.
Damit paart sich der Stolz der Unionerin mit dem der Kämpferin für die Befreiung der Frau und der Europakoordinatorin. Wenn Marie Louise am nächsten Sonntag gegen Wolfsburg und den letzten Spielen der Saison an der Seitenlinie steht, dann ist das auch oder sogar in erster Linie das Ergebnis des Jahrhunderte langen internationalen Kampfes der Frauen.
Wir, die Europakoordinatorinnen der Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen, haben ihr einen Brief geschrieben, in dem wir diesen Erfolg feiern aber auch die Haltung des Vereines herausstellen.
Wir wünschen ihr, der Mannschaft und dem Verein einen erfolgreichen Saisonerfolg
Eiserne Grüße
Karola, Unionerin und Europakoordinatorin der Weltfrauenbewegung der Basisfrauen
