„Überparteilichkeit, von Religion bis Revolution, ein Schlüssel auf dem Weg zur Befreiung der Frau“

Impulsreferat des Frauenverbands Courage beim Theoretischen Seminar der Weltfrauen im November 2025 in Kathmandu/Nepal

In keinem Land der Welt sind Frauen heute frei. Wir sind international herausgefordert, bisher erkämpfte Frauenrechte gegen frauenfeindliche oder faschistische Rollback-Entwicklungen zu verteidigen und zugleich für die wirkliche Befreiung der Frau von Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen.

Das kapitalistische System funktioniert nur, weil Frauen und Familien gesellschaftlich wichtige Aufgaben privat und unentgeltlich schultern – Haushalt versorgen, Kinder bekommen und erziehen, Arbeitskräfte wiederherstellen, Angehörige pflegen. Deshalb stehen Frauen nicht voll für die Ausbeutung zur Verfügung und ihre Arbeitskraft ist weniger wert. In Deutschland erhalten Frauen im Durchschnitt bis zu 23% weniger Lohn als Männer. In dieser niedrigeren Bewertung weiblicher Arbeitskraft kommt die doppelte Ausbeutung der lohn- und gehaltsabhängigen Frauen zum Ausdruck.

Trotz gesetzlicher Gleichberechtigung in vielen Ländern werden Frauen auf der ganzen Welt benachteiligt und unterdrückt. Sei es durch frauenfeindliche Traditionen, frauenverachtende Gewalt und Femizide, erniedrigenden Sexismus, moralische Fesseln, patriarchale Strukturen und finanzielle Abhängigkeit.

Von dieser besonderen Unterdrückung aufgrund des Geschlechts sind Frauen aller gesellschaftlichen Schichten und Trans-Menschen betroffen.
Deswegen ist es von grundlegender Bedeutung, dass sie sich für ihre Selbstbefreiung zusammenschließen in einer überparteilichen Frauenorganisation.(1)

Überparteilich bedeutet, dass Frauen ohne Parteizugehörigkeit und Frauen verschiedener Parteien auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms gleichberechtigt entscheiden, ohne dass eine Partei das Sagen hat. In einer überparteilichen Frauenorganisation arbeiten Frauen unterschiedlicher Weltanschauung und Nationalität, Beruf und Altersgruppen demokratisch zusammen – auf antifaschistischer Grundlage. So lernen sie voneinander, überwinden Vorbehalte, kämpfen gemeinsam, bringen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Erkenntnisse und Kampferfahrungen ein – genau darin wird die enorme Stärke, die in uns Frauen steckt, zu einer Kraft!

Wenn unterschiedliche Strömungen – proletarische, revolutionäre Frauen, bürgerliche oder kleinbürgerliche Frauen – separat agieren, lassen wir diese Chancen liegen.
Darum ist die Überparteilichkeit für die internationale Frauenbewegung von großer Bedeutung!

In Deutschland haben wir aus der Geschichte der Frauenbewegung gelernt. In den 1920er Jahren hatte sich die revolutionäre Frauenbewegung von bürgerlichen Frauen abgekapselt, was den Kampf gegen den weltkriegsbringenden Hitler-Faschismus erheblich schwächte.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden überparteiliche Frauenausschüsse in ganz Deutschland aufgebaut. Frauen aller demokratischen Parteien und parteilose Frauen arbeiteten darin zusammen am demokratischen Wiederaufbau Deutschlands und kümmerten sich um die Linderung der Not der Familien.
Diese fruchtbare Zusammenarbeit wurde von der SPD- und CDU-Führung (2) wegen der Mitarbeit von Kommunistinnen untersagt und in der Folge die Überparteilichkeit wieder zerstört.

In den 1970er Jahren entstand in Europa eine neue Frauenbewegung, die viel für die Gleichberechtigung der Frauen erreicht hat. Zugleich verbreitete sich eine feministische Richtung, die die gesellschaftliche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen mit einem Geschlechterkampf gegen die Männer beantwortete. Ein Kampf gegen die Männer würde nichts an der doppelten Ausbeutung der werktätigen Frauen und besonderen Unterdrückung aller Frauen ändern. Kein Chef würde einer Arbeiterin mehr Lohn geben, wenn sie ihm erklärt, dass ihr Mann dafür mehr von der Familienarbeit übernimmt. Die doppelte Ausbeutung der arbeitenden Frauen ist untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden.

Die berühmte Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir sagte: „Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“

So vielfältig die Zusammensetzung von Courage ist, so unterschiedlich sind auch die Visionen und „Bilder“ von der Befreiung der Frau. Für Revolutionärinnen ist es der gelebte echte Sozialismus, für Gläubige ist es die Gleichwertigkeit der Frau mit dem Mann in der Religionsgemeinschaft, für andere Frauen ist es die Demokratie, in der alle gleichberechtigt nebeneinander leben.

Unser kleinster gemeinsamer Nenner ist in unserem Courage-Programm formuliert: „Deshalb ist die Befreiung der Frau untrennbar mit einer befreiten Gesellschaft verbunden. Sie kann nur im gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten, der Frauen, Männer und Kinder erreicht werden.“ (3 )

Courage bezieht sich auf das gesamte Leben, das Denken, Fühlen und Handeln: kämpfen lernen, sich bilden, helfen, gemeinsam feiern oder trauern. Die organisierten Courage-Frauen ermutigen andere Frauen, über die eigene Familie für soziale Verbesserungen und die Befreiung der Frau aktiv zu werden. Eine dauerhafte, überparteiliche Zusammenarbeit ist eine enorme Bereicherung!

Bei dieser Zusammenarbeit gibt es naturgemäß Widersprüche und kontroverse Auseinandersetzungen. Der Meinungsstreit ist notwendig, um sich auf die besten Vorschläge für den Kampf zu vereinheitlichen. „Nur wo Widerspruch sich regt, wird Neues in der Welt bewegt“, sagte der deutsche Dichter J.W. von Goethe (1749-1832).

Das Geheimnis ist die demokratische Streitkultur
: Streitpunkte offen auf den Tisch, den Kampf und die Einheit der Gegensätze analysieren, die Widersprüche richtig behandeln, sich offen, sachlich und solidarisch über unterschiedliche Meinungen zum Kampf um die Befreiung der Frau auseinandersetzen.

Es ist den Herrschenden bis heute ein Dorn im Auge, wenn parteilose, religiöse, atheistische Frauen und Frauen verschiedener Parteien vorbehaltlos zusammen kämpfen. Deswegen wird die breite überparteiliche Zusammenarbeit von ihnen behindert, diffamiert, mit antikommunistischen Vorbehalten und Verleumdungen attackiert, aus den offiziellen Medien herausgehalten und von Geheimdiensten verfolgt. Courage wird unterstellt, wir seien ein „U-Boot von Marxisten-Leninisten“. Dies wird im Internet und auch von manchen Frauenorganisationen oder städtischen Gleichstellungsbeauftragten verbreitet. Sie haben offenbar Angst vor der Kraft der Frauen, die gemeinsam viel erreichen können und wollen!
In Deutschland ist der Antikommunismus sozusagen „Staatsreligion“. Er soll abschrecken und Frauen davon abhalten, sich überparteilich zu organisieren oder mit Courage zusammenzuarbeiten. Damit muss die kämpferische Frauenbewegung fertig werden – und sie wird es immer besser. Durch unsere unbeirrbare Verteidigung und Verwirklichung der Überparteilichkeit, bewusstseinsbildende Arbeit, offensive Auseinandersetzung und vorbehaltlose Zusammenarbeit – auch mit Kommunistinnen – haben wir uns erkämpft, in Bündnissen mitzuwirken, uns über verschiedene Perspektiven auszutauschen und gemeinsame Aktionen und Demonstrationen zu organisieren.

Die aktuellen faschistischen Entwicklungen sind eine neue Herausforderung für die internationale Frauenbewegung. Die globale Umweltkatastrophe sowie die akute Weltkriegsgefahr bedrohen die Existenz der Menschheit und würden die Befreiung der Frau und der Menschheit verhindern. All das dürfen wir auf keinen Fall zulassen!

Lasst uns entschlossen und mit aller Kraft an unserem Ziel der Befreiung arbeiten und alle Hindernisse überwinden – auch die in unseren eigenen Köpfen und Herzen!
Der Schlüssel der Überparteilichkeit wird Türen öffnen für den gemeinsamen Kampf der vielen verschiedenen Frauen auf der Welt gegen diesen menschenfeindlichen Imperialismus – im notwendigen Bündnis mit der Arbeiter-, Jugend-, Friedens- und Umweltbewegung.

Auf dass der Zukunftstraum von Millionen für eine friedliche Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung von Mensch und Natur und die Befreiung der Frau endlich Wirklichkeit wird!

Frauenverband Courage – Bundesvorstand, 14.10.2025

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(1) Für ‘überparteilich‘ gibt es keine exakte Übersetzung (wie non partisan = parteilos, unparteilich).
(2) Sozialdemokraten und Christlich demokratische Union
(3) Courageprogramm, Punkt 4, S. 5