Abschlusserklärung verabschiedet – viel Bedürfnis nach Austausch und weiterer Diskussion – Tag 3 des Theoretischen Seminars in Kathmandu

Die Koordinatorinnen hatten beschlossen, den 3. Tag damit zu beginnen, den Nepalesinnen und ihren Organisationen die Gelegenheit zu geben, in 5-minütigen Beiträgen über ihren zehnjährigen, hart geführten Kampf zu berichten. Sie hatten 2008 erreicht, dass der König abdanken musste – längst überfällig.

Eine Rednerin betonte, dass der erfolgreiche Kampf gegen den König und die Erkämpfung einer demokratischen Verfassung einen großen Fortschritt brachte, aber beileibe nicht die Befreiung der Frau von Ausbeutung und Unterdrückung. Sie betonte, das Neue hier bei diesem Seminar ist, dass hier wirklich über unsere Rolle in der Gesellschaft diskutiert wird und wie alle unsere Themen: Umwelt, Krieg, Faschismus, Gesundheit, Bildung, ungleiche Löhne, Gewalt gegen Frauen, Arbeitslosigkeit usw. eine Lösung finden müssen.

Eine andere Rednerin ging auf den bewaffneten Kampf vor 2008 ein: 40 % waren Kämpferinnen, 2.500 Frauen wurden ermordet. Sie haben teilweise ihre Kinder im Kampf auf dem Rücken getragen. Die Herrschenden reagierten grausamst: im Gefängnis wurde gefoltert, vergewaltigt. Der Kampf war ein Beispiel für das Frauenbewusstsein.

Doch das Ergebnis ist noch nicht das, was wir erreichen müssen: Ein Gesetz schreibt 30 % Frauen im Parlament vor, genauso dass Frauen gleiche Rechte haben. Dalit (die unterste Kaste der „Unberührbaren“) werden etwas mehr respektiert – aber viele Gesetze werden nicht angewendet.

Im theoretischen Seminar verarbeiteten die Frauen ihre Erfahrungen, analysierten die Ursachen der Probleme und zogen den Schluss, dass mit religiösen Extremisten, wie sie teils in Nepal vor allem auf dem Land das Sagen haben, keine Befreiung der Frau möglich ist. Viele sprachen sich für ein sozialistisches System aus. Weitere Organisationsvertreterinnen der sechs anwesenden Frauenorganisationen betonten das genauso, zumal Bestrebungen aktuell im Gang sind, dass demokratische Rechte wieder eingeschränkt werden sollen. (Im März 2026 sind Neuwahlen)

Eine Rednerin führte aus, wie sie jede Nacht in den Häusern diskutierten und Bewusstsein geschaffen haben. Dass Frauen für sich selbst sprechen müssen – auch Dalit-Frauen.

Es gab weitere sehr berührende Berichte, dass Frauen während des Kampfes ihre Kinder weggeben mussten, vom Regime zu Geständnissen gezwungen werden sollten, aber beharrlich schwiegen.

Ein tiefer Einblick in einen erfolgreichen Kampf, aber auch die Erkenntnis: die Probleme der Frauen, egal aus welchem Land, sind Probleme, die der imperialistische Konkurrenzkampf verursacht.

So bekamen die Frauen aus allen Ländern einen tiefen Einblick in einen erfolgreichen Kampf, aber auch die Erkenntnis: die Probleme der Frauen, egal aus welchem Land, sind Probleme, die der imperialistische Konkurrenzkampf verursacht. Er hat Waffen, viel Geld, um Unterdrückung zu organisieren und greift zunehmend wieder auf patriarchale und faschistische Denkweisen und Kräfte zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Auch die vielen NGOs in Nepal geben Geld, um die Menschen ruhig zu halten.

Durga Paudel, die Asien-Koordinatorin der Weltfrauen, zog als Resümee: Wollen wir dieses Seminar zum Erfolg führen, müssen wir Schlussfolgerungen ziehen. Unsere finanzielle Unabhängigkeit sorgt dafür, dass hart arbeitende Menschen aus vielen Ländern dieses Treffen finanzieren, sonst niemand. Es hat wohl in Nepal auch ein Gerücht gegeben, dass viele Dollars im Spiel seien, dieses wies sie unmissverständlich zurück. Wir finanzieren die Selbstbefreiung eigenständig!

Alle einte das Bedürfnis, nach Antworten für die vielen Krisen dieser Welt und wie wir eine weltweite Front gegen den Imperialismus aufbauen können.

In der nachfolgenden Diskussion zeigte sich ein großes Bedürfnis für den weiteren Austausch über die Situation der Frauen weltweit und unsere wachsende Fähigkeit, die Hintergründe durch theoretische Arbeit aufzudecken, um sie gezielt angehen zu können. Das war sehr lebendig. Dabei kam die Frage, wie wir als Frauenorganisationen und auch als politische Parteien für tiefgehende Bewusstseinsbildung sorgen. Alle einte das Bedürfnis, nach Antworten für die vielen Krisen dieser Welt und wie wir eine weltweite Front gegen den Imperialismus aufbauen können.

Frauen müssen Theoretikerinnen werden!

Einige nahmen zur Bildung und zur Verbindung von praktischer und theoretischer Arbeit Stellung und wie sie es in ihrem Land organisieren: über Zeitungen, über Lesezirkel, über Diskussionen und Seminare. Sie betonten, auch Frauen müssen Theoretikerinnen werden.

  • „Theoretische Arbeit kann man lernen, genauso, wie man die Arbeit an der Maschine oder als Bäuerin lernt“, so Gabi Fechtner von der MLPD. Es muss geklärt werden: welche Fragen müssen heute beantwortet werden und sie stellte die Methoden der MLPD vor, wie man zu gründlichen Analysen und zu Prognosen kommt.
  • Manisha aus Bangladesch erläuterte die Arbeit ihrer Organisation und vor allem die Bedeutung des internationalen Austauschs darüber.
  • Auch die Vertreterin von Zora, einer Organisation junger Frauen aus Deutschland, bezog sich darauf, dass die zweite Säule des praktischen Kampfes die Theorie sein muss. Und dass die Erfahrungen der Älteren unbedingt zusammengebracht werden mit dem Mut der Jüngeren und dem Wissen von Klassikern des Marxismus.
  • Das Bildungssystem, so eine Nepalesin, spielt eine bedeutende Rolle, wobei man nicht verkennen darf, dass Bildung in den allermeisten Ländern in Hand der Herrschenden ist. Eine gewisse Bildung ist jedoch Voraussetzung für die Bildung darüber, wie wir unsere Situation verändern.

Die intensive Diskussion musste aus Zeitgründen abgeschlossen werden, es galt ja noch die in Nachtarbeit erstellte Abschlusserklärung in demokratischer Diskussion zu verbessern. Es entstand eine von allen verabschiedete Erklärung, die in den nächsten Tagen vollständig veröffentlicht werden kann.

  • Viele strittige Themen, z.B. die Rolle des Patriarchats (als Begriff überhaupt bzw. als Herrschaftsform) müssen weiter diskutiert werden.
  • Geklärt wurde, dass die Weltfrauenbewegung die Breite von Religion bis Revolution hat und sich nicht auf bereits revolutionäre Frauen, sozialistische Organisationen oder marxistische Analysen beschränkt werden darf – sie sind ein Teil der vertretenen Strömungen. Hier brachten auch wir von Courage die Frage der Überparteilichkeit in den Frauen-Basisorganisationen überzeugend ein.
  • Einig waren sich alle Frauen darin: grundlegende Veränderungen setzen eine systemverändernde Arbeit voraus.

Die Nepalesinnen zeigten sich sehr glücklich, dass das Seminar in Nepal stattfinden konnte. Die peruanische Vertreterin bedankte sich bei allen mutigen Teilnehmerinnen, die unter vielen Opfern angereist sind, die Koordinatorinnen aus Europa bei allen Helferinnen und Helfern. Die alle noch einmal auf der Bühne standing ovations erhielten.

Wenn wir zusammenhalten, wenn wir uns nicht spalten lassen, können wir gewinnen und für und mit der Jugend eine lebenswerte Zukunft erkämpfen!

In den drei Tagen ist sehr viel gelungen. Die Zeit für Abschiede war viel zu kurz, eine vertiefte Verschwisterung erfolgte auch bei den tollen Kulturabenden, in den Gesprächen untereinander, beim Essen oder anderen Diskussionen. Auch das drückte eine große Einheit unter den Teilnehmerinnen aus und die feste Überzeugung: wenn wir zusammenhalten, wenn wir uns nicht spalten lassen, können wir gewinnen und für und mit der Jugend eine lebenswerte Zukunft erkämpfen. Sie betonten, dass sie künftig mehr Verantwortung in diesem wichtigen Prozess übernehmen.

Der Hochzeitssaal war super geeignet. Es gab genügend Platz, auch für zahlreiche Infostände. Vor allem Frauen aus Afrika verkauften Kunsthandwerk aus ihren Ländern zur Finanzierung ihrer Reisekosten. Bücherstände, passend zum Theoretischen Seminar, deckten vielerlei Themen ab.

Etwas schwierig gestaltete sich die Übersetzung in sechs Sprachen. Es ist von größter Bedeutung, dass jede die Redebeiträge in ihrer Sprache versteht und es werden noch viel mehr ehrenamtliche Übersetzerinnen und Übersetzer gebraucht!

Die Versorgung mit abwechslungsreichem landestypischem Essen war hervorragend, auch wichtig bei einem Seminar. Weil das Wetter mitspielte, genossen alle ihre Pausen im Freien.

Wir möchten auf den Bericht  einer Korrespondentin auf www.rf-news.de hinweisen. Unter dem Titel „Das war überwältigend!“ beleuchtet er die erkämpften Erfolge, wichtige inhaltliche Auseinandersetzungen und die verschiedenen Seiten des Seminars. Unter anderem heißt es da:

„Das Seminar zeigte auch insgesamt ein deutlich gewachsenes Niveau der Weltfrauenbewegung! Vereinheitlichter Ausgangspunkt ist für annähernd alle der Tenor der letzten Weltfrauenkonferenz: Der Imperialismus ist die Ursache für die Probleme und muss besiegt werden. Die folgenden Fragen wurden aufgeworfen: Wie können wir ihn überwinden, wie funktioniert er, wie verstehen Frauen besser, ihn in seinen neuen Erscheinungen zu analysieren?
Auf Grundlage von drei Weltfrauenkonferenzen und einem ersten theoretischen Seminar in Indien 2018 bauten die Frauen auf der Erkenntnis auf, dass sie unterschiedliche Bedingungen, aber im Wesen die gleichen Probleme haben.
Eine zentrale Frage der Diskussion, die auf je fünf Impulsreferate folgte, war das Wechselverhältnis von Imperialismus und Patriarchat. Als eigentlich überkommene patriarchale Familienordnung des Feudalismus erfährt es eine regelrechte Renaissance durch den Imperialismus. Er setzt in seiner unlösbaren Krise zunehmend auf moderne Faschisten – je nach Land modifiziert – mit massiven Rückschritten für die Masse der Frauen: Von islamistischen Faschisten im Iran wird Frauen die Schuld für Erdbeben zugeschoben, als „Folge begangener Sünden“. In Nepal herrscht teils das Kastenwesen, Frauen werden während ihrer Menstruation in bitterer Kälte in einfache Hütten ausquartiert, teils mit Todesfolge. Dass der Imperialismus das Wesen ist, das Patriarchat die Erscheinung, muss noch weiter diskutiert werden.
Fortschritte gab es in der Kritik an kleinbürgerlich-postmodernistischen Einflüssen, den Kampf um die Befreiung der Frau vom Kampf um Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung zu separieren. Die Rolle der Arbeiterinnen und der enge Zusammenschluss von Frauen- und Arbeiterbewegung wurden durchweg betont. Gewachsen ist auch das Bedürfnis, von anderen zu erfahren; die Frauen beziehen sich aufeinander.
Die Breite der Weltfrauenbewegung wurde bis in die Abstimmung der Abschlussresolution diskutiert. Statt einer Beschränkung auf sozialistische oder bereits revolutionäre Frauen wurde bekräftigt: Wir wenden uns an die Masse der Frauen, wir können und müssen Überzeugungsarbeit leisten! Gerade angesichts der Gefahren durch den Faschismus und die Weltkriegsvorbereitung leisten wir sie unter allen, auch denen, die davon beeinflusst sind, um eine starke weltweite Frauenbewegung als Teil der Einheitsfront aufzubauen.“