Dioxinskandal - nichts ist in Ordnung in der industriellen Nahrungsmittelproduktion! Drucken

Nichts ist in Ordnung in der industriellen Nahrungsmittelproduktion!
Korrespondenz aus Bochum, 6.1.2010

 

Der Skandal um giftiges Dioxin in Tierfutter soll nach dem Willen der Agrarminister der Länder rasche Konsequenzen haben. „Es bedarf in erster Linie deutlich schärferer Strafen bei Verstößen gegen das Lebens- und Futtermittelrecht, sagte Thüringens Landwirtschaftsminister Jürgen Reinholz, CDU. Bei den Kontrollen der Futter- und Lebensmittelbranche sieht er keinen Handlungsbedarf. „Das Kontrollniveau ist bereits sehr hoch“. Was ist Dioxin?
Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Der bekannteste Vertreter der Gruppe ist das als Seveso-Gift bekannt gewordene TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.
Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstraktes festgestellt. In Tierversuchen wurden krebserregende Wirkungen nachgewiesen (Quelle: dpa).
Überlassen wir jetzt den Behörden und Politikern die Aufarbeitung und ggfs. Bestrafung der paar „Scharlatane der Branche“ und dann ist wieder alles gut?
Ein Unternehmen kann nicht strafrechtlich belangt werden, es kann nur Ordnungswidrigkeiten begehen, also kann es nur Bußen auferlegt bekommen – keine Strafen (s. Hetzer oA 2008). Zu erwarten ist also eine „saftige Geldstrafe“, die ein profiterzielendes Unternehmen aus der Portokasse bezahlen kann. Die Auswirkungen für Gesundheitskosten, für Umweltschäden und das Leid der Betroffenen soll die Bevölkerung tragen.
So wie die Politiker nun wieder mal agieren, spekulieren sie mit unserer Hilflosigkeit und Passivität, nämlich
1.    mit der Ohnmacht jedes einzelnen  Verbrauchers
2.    nach einer unangenehmen Zeit der Aufregung über die Medien kann dann wieder zur Tagesordnung übergegangen werden.
Dem können wir vereint entgegen treten und den systemischen Charakter des Angriffs auf unsere Lebensgrundlagen aufzeigen und uns dagegen zusammen schließen.
Die Weltbevölkerung hungert und wird vergiftet durch die industrielle Nahrungsmittelproduktion.
2,3 Milliarden Tonnen Getreide wurden 2008 weltweit geerntet, das ist mehr als je zuvor - auch pro Kopf der Weltbevölkerung gerechnet. Doch nur 47 % dieser Ernte dienten der menschlichen Ernährung. Der Rest war Tierfutter, Sprit, industrieller Rohstoff, Abfall.
350 Nahrungsergänzungsstoffe gibt es, mindestens die Hälfte davon ist bedenklich. Den Nachweis der Schädlichkeit müssen jedoch anders als sonst üblich, die Verbraucher liefern, nicht die Erzeuger, so Thilo Bode, Foodwatch.
Die Verursacher von Hunger und Mangelernährung, die global agierenden Lebensmittelkonzerne, können ungehindert weiter machen. Ihre Methoden sind Lügen, Desinformation und kriminelle Machenschaften.
Bereits Anfang 2007 erstattete die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch Anzeige gegen die Unternehmen SNP (gehört zu Vion N.V.), GePro, den Düngemittelhändler Beckmann und die Veterinärämter der Landkreise Diepholz, Emsland, Oldenburg und Vechta, da die Unternehmen illegalen Handel mit Tiermehl betreiben und die Ämter Beihilfe dazu leisten würden. Obwohl entsprechende Abfälle und das daraus hergestellte Tiermehl keinesfalls in die menschliche Nahrungskette gelangen dürfen, fand Foodwatch dafür entsprechende Hinweise.
Die daraufhin eingeleiteten Ermittlungen ergaben, dass der Handel mit den Mehlen tatsächlich stattfand, jedoch mit Genehmigung der zuständigen Behörden und daher keine Straftat war. Die Genehmigungen selbst haben allerdings gegen geltende Gesetze verstoßen. Da Beihilfe aus juristischer Sicht jedoch nur vorliegt, wenn die Haupttat strafbar ist, wurden die Ermittlungen sowohl gegen die Unternehmen als auch gegen die Ämter Ende 2007 eingestellt. Die Genehmigungspraxis der Behörden wurde geändert.
Die Kommunikation mit dem Markt über die Werbung gaukelt uns die schöne, heile Welt vor, die den Produktionsverhältnissen in keiner Weise entspricht. Nachhaltig arbeiten zum Wohle der Verbraucher,  der Umwelt und der Mitarbeiter, das ist der Slogan, den die allermeisten Unternehmen verbreiten.
Gar nichts ist nachhaltig an dieser Produktionsweise, sondern damit wird unsere Welt in den Abgrund geführt, Menschen, Tiere und Pflanzen sind Zeugnis dafür.
Wer die über alles hochgelobte Freiheit unseres „westlichen Systems“ allzu  wörtlich nimmt und vielleicht die Wahrheit ausspricht, wie zum Beispiel Mitarbeiter des „Wiesenhofs“ das gar nicht glückliche Tierdasein publik machten, der bekommt die Diktatur der Monopole schnell zu spüren: Entlassung.
Die immer wieder geäußerte Meinung „Ich will es gar nicht wissen. Denn sonst kannst Du ja gar nichts mehr essen“ ermuntert die skrupellosen Herren nur zum „Weiter so“.
Wir Courage-Frauen stellen uns diesen lebensverachtenden Produktionsverhältnissen entgegen.
Wir wollen verstehen, was mit dieser Welt vor sich geht. Wir unterstützen uns gemeinsam gegen die Auswüchse und kämpfen nach Kräften gegen diese Machenschaften. Dabei vernetzen wir uns auch weltweit. So arbeiten wir mit an der Vorbereitung der Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen im März 2011 in Venezuela.
Wann entschließt Du Dich zum „Ich will es wissen und werde es ändern“? Mach mit bei Courage!